„Sie hatten Namen, Familien und Zukunftspläne“: Pfullendorf erinnert an die deportierten Sinti und Roma Oberschwabens
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Mit einer Mahnwache auf dem Marktplatz hat das Demokratiebündnis „Pfullendorf ist und bleibt bunt e. V.“ am 2. August an die Verfolgung und Ermordung oberschwäbischer Sinti und Roma während des Nationalsozialismus erinnert. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher nahmen an der Gedenkveranstaltung teil. Unter ihnen befanden sich insbesondere viele Angehörige und Nachfahren von Sinti-Familien aus Pfullendorf und Ravensburg.
Der 2. August ist der Europäische Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma. Er erinnert insbesondere an die Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, in der die SS den letzten Lagerabschnitt für Sinti und Roma im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gewaltsam auflöste. Obwohl sich die dort gefangenen Menschen zuvor gegen ihre Ermordung gewehrt hatten, wurden in dieser Nacht 2.897 Kinder, Frauen und Männer in den Gaskammern ermordet.

Zentraler Programmpunkt der Mahnwache war ein mehrteiliger Redebeitrag des Denkstättenkuratoriums NS-Dokumentation Oberschwaben. Vorgetragen wurde er von der Vorsitzenden Birgit Brüggemann, dem Geschäftsstellenleiter Hendrik Schuler sowie Madeleine Kehrer vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg, einer Nachfahrin einer verfolgten Ravensburger Sinti-Familie. Der Beitrag verband die Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Oberschwaben am Beispiel Ravensburg mit persönlichen Familienerinnerungen Kehrers und einem deutlichen Appell gegen heutigen Antiziganismus.
Dabei wurde hervorgehoben, dass der nationalsozialistische Völkermord nicht erst in den Konzentrations- und Vernichtungslagern begann. Vielmehr sei er durch Ausgrenzung, behördliche Erfassung und den schrittweisen Entzug von Rechten vorbereitet worden. „Der Völkermord begann nicht erst in Auschwitz. Er begann mit Worten. Er begann mit Vorurteilen. Er begann mit Listen und Kontrollen. Er begann mit dem Entzug von Rechten“, so Birgit Brüggemann.
Am Beispiel Ravensburgs schilderten die Vortragenden, wie Sinti-Familien, die teilweise bereits seit Jahrhunderten in der Stadt lebten, zunehmend ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt wurden. Die Familien arbeiteten unter anderem als Holzschnitzer, Musiker, Schirmhersteller und Handelsleute. Ihre Kinder wuchsen in Ravensburg auf, viele Familien gehörten zur katholischen Pfarrgemeinde St. Jodok.
Dennoch wurden die Ravensburger Sinti in der nationalsozialistischen Propaganda als Fremde diffamiert. „Die Ravensburger Sinti waren keine Fremden. Sie lebten und arbeiteten hier. Ihre Kinder wuchsen hier auf“, betonte Hendrik Schuler des Kuratoriums. Die nationalsozialistische Politik habe bestehende Vorurteile aufgegriffen, verschärft und schließlich in eine staatlich organisierte Verfolgung überführt.

Im Jahr 1937 zwang die Stadt Ravensburg mehr als 100 Sinti, in das Lager „Ummenwinkel“ umzuziehen. Männer, Frauen und Kinder lebten dort zusammengepfercht in Baracken hinter Stacheldraht. Sie wurden überwacht, schikaniert und zur Arbeit gezwungen. Mitarbeitende der sogenannten Rassenhygienischen Forschungsstelle untersuchten und erfassten zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner. Diese Untersuchungen dienten nicht der medizinischen Versorgung, sondern bereiteten ihre weitere Entrechtung, Selektion und Deportation vor.
Am 13. März 1943 wurden 34 Ravensburger Sinti festgenommen und wenige Tage später über den Ravensburger Bahnhof nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Mit demselben Transport wurden auch 17 Sinti aus Pfullendorf-Otterswang verschleppt. Unter ihnen befanden sich Frauen, Männer und Kinder, die ihre Wohnungen, ihre Arbeit und ihren Besitz zurücklassen mussten.
Die Vorsitzende des Denkstättenkuratoriums erinnerte daran, dass die Verfolgung in Ravensburg öffentlich sichtbar gewesen sei: „Der Weg nach Auschwitz begann nicht erst am Tor des Lagers. Er begann im Ummenwinkel. Er begann in den Akten der Behörden. Er begann mit den Entscheidungen der Verantwortlichen. Und er begann am Ravensburger Bahnhof.“
Besonders eindringlich war der persönliche Beitrag von Madeleine Kehrer. In einem Brief wandte sie sich an ihre Urgroßtante, die Sintiza Anna Schneck, die gemeinsam mit ihren sieben Kindern Mathilde, Hyacintha, Ewald, Roman, Edmund, Waltraud und Paul in Auschwitz ermordet wurde.
Als Mutter und Großmutter stellte Kehrer eine Verbindung zwischen ihrem eigenen Familienleben und dem gewaltsam zerstörten Leben ihrer Urgroßtante her. „All das, was ich erleben darf und noch erleben werde, wurde dir verwehrt“, sagte sie an Anna Schneck gerichtet. „Du durftest nie deine Kinder in ihrem Lebensweg begleiten oder sie aufwachsen sehen.“
Zugleich gab Kehrer ihrer Urgroßtante und deren Kindern einen Platz im Gedächtnis der Familie zurück: „Heute will ich dich daran erinnern, dass es eine Mama gab, die Wünsche, Träume und auch Ziele für ihre Kinder hatte. Ich gedenke an dich, liebe Anna, und an jedes einzelne Kind, das sicher eine Zukunft hätte in dieser Welt, wenn man ihnen nur eine Chance fürs Leben gegeben hätte.“

Auch die Zeit nach 1945 wurde in dem Redebeitrag thematisiert. Die wenigen Überlebenden hätten lange um die Anerkennung ihrer Verfolgung kämpfen müssen. Entschädigungen seien verweigert oder verzögert worden, während zahlreiche Vorurteile fortbestanden hätten. Erst 1982 erkannte die Bundesregierung den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma offiziell an.
Zum Abschluss richteten die drei Vortragenden den Blick auf die Gegenwart. Antiziganismus sei mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht verschwunden. Sinti und Roma würden noch immer beleidigt, verdächtigt und ausgegrenzt. Manche erlebten Benachteiligungen bei der Wohnungssuche, andere in der Schule oder am Arbeitsplatz.
„Unser Gedenken darf nicht in der Vergangenheit stehen bleiben“, mahnte Madeleine Kehrer. „Wer heute an die Opfer erinnert, darf dazu nicht schweigen.“ Demokratie zeige sich nicht allein in politischen Erklärungen, sondern im täglichen Umgang miteinander: „Demokratie bedeutet: Wir schauen nicht weg. Wir widersprechen, wenn Menschen beleidigt werden. Wir helfen, wenn jemand ausgegrenzt wird.“
Birgit Brüggemann verwies insbesondere auf die Verantwortung im Umgang mit Sprache und gesellschaftlichen Vorurteilen: „Die Geschichte des Ummenwinkels zeigt, wie Ausgrenzung beginnt. Sie beginnt oft mit Worten. Sie beginnt mit Witzen. Sie beginnt mit falschen Bildern über eine Gruppe.“
Es dürfe deshalb nicht ausschließlich über Sinti und Roma gesprochen werden. Vielmehr müssten ihre Perspektiven gehört und sie selbst an gesellschaftlichen Entscheidungen beteiligt werden. „Wir dürfen nicht nur über Sinti und Roma sprechen. Wir müssen auch mit ihnen sprechen. Ihre Stimmen gehören zu unserer Gesellschaft“, betonte die Vorsitzende.
Madeleine Kehrer machte zugleich deutlich, dass Sinti und Roma nicht allein auf eine Geschichte der Verfolgung reduziert werden dürften: „Sie leben heute hier. Sie arbeiten hier. Sie gestalten unser Land mit. Sie sind Bürgerinnen und Bürger dieses Landes.“
Zum Ende der Mahnwache informierte Sabine Gerl, Vorsitzende von „Pfullendorf ist und bleibt bunt e. V.“ über die Planungen für einen Denkort, der künftig in Pfullendorf an die von dort deportierten Sinti erinnern soll. Die Initiative wurde von den anwesenden Pfullendorfer Nachfahren der deportierten Sinti ausdrücklich begrüßt. Zugleich wurde hervorgehoben, dass die Angehörigen und Nachfahren in die weitere Konzeption und Gestaltung des Denkortes eingebunden werden sollen.
Die Botschaft der Veranstaltung fasste Madeleine Kehrer in einem Satz zusammen: „Erinnerung braucht Haltung.“ Diese Haltung zeige sich darin, Hass, Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung nicht hinzunehmen und für eine Demokratie einzutreten, in der jeder Mensch dazugehört – nicht nur auf dem Papier, sondern jeden Tag.
Text: Hendrik Schuler (Denkstättenkuratorium)

































